Impuls
Meister der Gelassenheit
Meister der Gelassenheit
Säen
Jesus liebt Bilder, die mit dem Landleben zu tun haben. Sein eigenes Leben und das Leben seiner Zeitgenossen waren ganz stark bestimmt von der Welt der Bauern. Das ist auf den ersten Blick eine beschauliche Welt, eine Welt, in der Erfahrungen von Generation zu Generation weitergegeben werden und in der hart gearbeitet werden muss, in der es aber auch gilt, abwarten zu können. Zu den Erfahrungen in dieser Welt gehört aber auch, dass nicht immer alles gut geht. Schwierigkeiten ergeben sich nicht nur, wenn die Natur nicht mitspielt, sondern Schwierigkeiten ergeben sich oft genug auch, weil die Menschen einander nicht immer grün sind. Das Matthäusevangelium (13, 24-30) greift eine solche Situation auf. Es spielt für die Geschichte gar keine Rolle, woher die Feindschaft stammt. Sie ist einfach da. Auch das gehört zum Leben, dass wir Menschen unsere Feindschaften pflegen und dabei manchmal, vielleicht sogar ziemlich oft sehr weit gehen. Die Heilige Schrift in ihrem großen Realismus berichtet davon gleich auf ihren ersten Seiten.
Ausreißen
Tatsächlich gibt es ziemlich viel Unkraut auf dieser Welt. Und jeder, der mit einem Garten zu tun hat, weiß, wie sehr man aufpassen muss, dass das Unkraut nicht alles überwuchert und am Ende sogar erstickt. Andererseits wissen wir natürlich auch, dass es gar nicht so leicht ist, zwischen den guten und schlechten Pflanzen zu unterscheiden. Genau genommen, sind ja alles Pflanzen nützlich. Aus Brennnesseln kann man Salat herstellen und auch Disteln können sehr dekorativ wirken. Vielleicht sollten unsere Gärtner und Gärtnerinnen doch etwas weniger Unkraut ausreißen und der Natur auch einmal die Chance geben, zu zeigen, was sie kann.
Abwarten
Das jedenfalls lehrt uns Jesus. Er ist der Meister der Gelassenheit. Vielleicht ist es eine unser größten Versuchungen, immer wieder das Unkraut zupfen zu wollen: das Unkraut vor allem natürlich bei den anderen. Der oder die sollte endlich einmal lernen, sich zu benehmen oder die Dinge einfach richtig zu machen. Aber auch bei uns selbst neigen wir oft zu einem bedrohlichen Perfektionismus. Dieses und jenes kann ich nicht und werde es niemals können und deswegen fühle ich mich immer ein bisschen schuldbewusst und klein, mindestens kleiner als die anderen. Vielleicht gelingt es den anderen ja nur einfach besser, das Unkraut in ihrem Leben besser zu verstecken. Noch schöner wäre es, wenn wir gar nicht so allergisch auf das Unkraut reagieren würden. Lassen wir doch den anderen und lassen wir uns selbst einfach etwas mehr Zeit. Wer zu viel Ordnung schaffen will, vernichtet am Ende auch das Gute und das Schöne und das Nützliche, mein Jesus. Bei Menschen, die gar keine Unordnung ertragen können, ist es ziemlich ungemütlich. Gott jedenfalls macht uns das vor. Er ist geduldig und lässt die Sonne aufgehen über Gerechte und Ungerechte. Und erstaunlicherweise funktioniert diese Methode eigentlich doch ziemlich gut: Zwischen all dem Unkraut auf der Welt wachsen doch immer wieder sehr nützliche und sehr schöne Pflanzen heran: Da tuen Menschen ganz unauffällig Gutes, da gibt es solche, die sich lieben und andere, die Frieden stiften, da gibt es viel Hilfe und Unterstützung für die Armen, da setzen sich Männer und Frauen für die Kranken und Schwachen ein. Das alles wiegt schwer und wird am Ende schwerer wiegen als die Missgunst und Hass, als Bosheit und Kleinlichkeit. Auch hier ist die Grundtugend des Glaubens gefordert: das Vertrauen. Und ganz genau genommen merken wir: Menschen, die glauben, lernen auch, mehr zu vertrauen und gelassener zu werden.
(P. Marcel Albert OSB)