Impuls
Hoffnung auf den außerordentlichen Gott
Hoffnung auf den außerordentlichen Gott
Die Kirche hat sich bisher stets von ihrem Grund, ihrer Tradition, ihren Wurzeln her verstanden, wie auch die Schöpfung und alle anderen Mysterien ontologisch-gründend konzipiert wurden. Wie, wenn wir Kirche und Sakrament, unbeschadet ihrer Einstiftung von Christus her, als Keimkräfte, Hoffnungszeichen sähen, als offene Metapher dafür, daß Gott erscheinen kann? Vieles, was uns an Gründung, an Repräsentation genommen worden ist, könnte vielleicht durch die Hoffnungs-und Metapher-Richtung, das schöpferische Entdecken neu gegeben werden. Von daher ist wohl die merkwürdige Anziehungskraft des Außerordentlichen, Charismatischen, der Events zu begreifen. Das gilt nicht nur für Orte wie Taize, sondern wohl auch für die erstaunliche Anziehungsmächtigkeit des Papsttums. Da sind dann Hunderttausende, die mit der normal verfaßten Kirche nichts-oder wenig zu tun haben, weil offenbar unsere offene, demokratische, depressiv-mobile Gesellschaft doch Repräsentanten braucht, an denen Hoffnung sichtbar wird. Und da erscheint Gott womöglich als jene Instanz, die die Welt zur offenen Parabel der Hoffnung erscheinen läßt und uns ermutigt zum konkreativen Tun, zur Mitfreude äm Wachstum der vielen (so hat schon Kant das Christentum neu ansehnlich sein lassen wollen). Also: Kein Gott als Ein-Mann-Betrieb, als römischer Beobachter, als eingreifende Macht, kein Potentat, eher ein anonym, demütig und darin wirksam gegenwärtiger Gott, der auf uns wartet, ob wir ihm Gastfreundschaft und Gesellschaft gewähren. Weniger starre Einheit, sondern Atemraum für viele Perspektiven, Dialog, einander gastfreies Aufkommenlassen des Fremden, Verschiedenen. Nicht eine Person, eher vielpersonales Geschehen, eine Versöhnung von Natur und Person, Einheit und Vielheit, eine Kraft der Einräumung von Freiheit.
Damit wären östlichen und westlichen, klassischen und modernen Aspirationen Anknüpfungspunkte geboten. Man könnte mit Hölderlin das göttliche Milieu auch so umschreiben: Sich vom Größten nicht bezwingen und doch vom Kleinsten umschließen zu lassen, ist göttlich. Er wäre unendliche Erhabenheit und Entlegenheit, und doch demütige Nähe und darin Gewähr von Präsenz. Gott als Landschaft. Diese verschiedenen Aspekte zu deuten, scheint mir aussichtsreich, auch mit der Freiheit, jeweils die eine oder andere Perspektive zu betonen und mystagogisch nahe zu bringen. Uns erwartet ja am Ende dann nach christlichem Glauben ein Gesicht, ein Raum, eine Einräumung von Freiheit, ein Name, auch ein Gericht. Angesichts von Gesicht, Name und Raum Gottes werden wir unserer Lebenslandschaft gewahr, unserer Wahrheit inne, unserer Abgründigkeit und Nähe, des Dunkels, der Zweideutigkeit und Helle des Daseins.
Kirche ist nicht mehr das Ein und Alles des Lebens, der Gesellschaft. Wir sind nicht mehr die ,Suppe des Lebens‘, die Minestra, sondern wir sind jetzt neu dazu verdammt, Salz der Erde zu sein. Gebe Gott, daß es nicht schal ist!
(P. Elmar Salmann OSB)