von Gott beglaubigte Wort des Alten und
Neuen Testaments eine verläßliche
Wegweisung für das menschliche Leben.«
Impuls
Christkönig
Christkönig
„Wie finde ich einen gnädigen Gott“ – mit dieser Frage begann eine turbulente Epoche in der Geschichte des Christentums. Mit sicherem Gespür brachte Martin Luther das große Thema der Neuzeit auf den Punkt. Das „Ich“ stand plötzlich im Mittelpunkt aller Debatten. Im Europa der Städte, der Kaufleute und der Universitäten interessierten sich die Menschen für sich selbst. Die mittelalterliche Ordnung zerfiel, die Christenheit spaltete sich in immer neue Kirchen, unbekannte Kontinente wurden entdeckt, die Erde war plötzlich eine Kugel, einer nur von vielen Planeten. Wie finde ich einen gnädigen Gott – so fragte man bestürzt – bestürzt, weil es kaum noch Sicherheiten gab, verwirrt, weil außer uns selbst kein fester Bezugspunkt mehr existierte. „Ich denke, also bin ich“ – viel mehr vermochte der neuzeitliche Mensch nicht zu sagen. Im 20. Jahrhundert brachte die Psychoanalyse auch diese Gewissheit ins Wanken. „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“, einen Gott, der mir Halt gibt, der mich wieder heil werden lässt.
Das Christentum brauchte solche Fragen nicht zu scheuen. In der Bibel findet sich das Wort „Gott“ 3378 Mal, das Wort „ich“ aber fast doppelt so oft, nämlich 6290 Mal. Es kann also nicht ganz falsch sein, wenn der Mensch sich selbst ins Spiel bringt. „Wenn ich rufe, erhöre mich, Gott du mein Retter“, betet so nicht schon der Psalmist (4, 2). Was tun, um Gott und das „ich“ zusammen zu bringen? Im deutschen Theologenjargon klingt die Antwort ganz einfach: Wir alle bräuchten eine „persönliche Christusbeziehung“. Dem wird man kaum widersprechen können. Dennoch wissen wir alle: Mit Beziehungen ist es so eine Sache. Dazu gehören immer zwei. Und schon sind wir wieder bei der Frage nach dem „ich“ angelangt. Der Frage, die uns so sehr ins Zweifeln führen kann.
Die Gebete der Liturgie meiden das Wort „ich“. Statt dessen heißt es da mit Vorliebe „wir“: In der vergangenen Woche lautete das Tagesgebet: „Laß uns begreifen, dass wir frei werden, wenn wir uns deinem Willen unterwerfen und dass wir die vollkommene Freude finden, wenn wir in deinem Dienst treu bleiben.“ Im Plural, weil ja alle mitbeten und Amen sagen sollen. Gemeint ist aber doch, dass ich frei werden und die vollkommene Freude finden möchte. Das Heil liege in der Beziehung, in Unterwerfung und Treue, wie es in der Sprache der Kirche heißt.
Das Tagesgebet des Christkönigssonntags schlägt einen anderen Ton an: „Allmächtiger ewiger Gott, du hast deinem geliebten Sohn alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden und ihn zum Haupt der neuen Schöpfung gemacht.“ Und jetzt geht es plötzlich nicht mehr nur um meine oder unsere Freiheit, sondern um viel, viel mehr: „Befreie alle Geschöpfe von der Macht des Bösen“ – im lateinischen Original steht da nicht der Plural, sondern die Einzahl: „tota creatura“ die „ganze Schöpfung“. Die soll Gott „allein dienen“ und ihn, wie es weiter heißt, „in Ewigkeit rühmen“. Die Schöpfung! Die ganze Schöpfung.
So geht unser Blick am letzten Sonntag des Kirchenjahrs ins Weite. Wir begreifen, dass die Frage: „Wie finde ich einen gnädigen Gott“ zu kurz greift. Es geht nicht nur um mich. Es geht nicht nur um den Frieden in meinem Herzen, unter den Menschen oder zwischen den Völkern. Es geht um die gesamte Schöpfung. Es geht darum, die Augen zu öffnen und zu erkennen, dass alles in Christus Bestand hat. Ich bin nur „creatura“, bin ein Teil der Schöpfung. Sinnlich begreifbar wird das, wenn wir bei der Taufe in lebendiges Wasser eingetaucht bzw. mit fließendem Wasser übergossen werden. Keine Flut, so soll das zeigen, kann uns bedrohen. Wir werden nicht untergehen. Im Gegenteil: Der Geist schwebt über dem Wasser. Der Himmel öffnet sich und eine Stimme ruft: „Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe“ (Mt 3, 17). So schafft Gott selbst in Jesus Christus Frieden. Die neue Schöpfung ist kein mühseliges Sechs-Tage-Werk. Sie ist da, in Jesus Christus, dem König des Universums.
(P. Marcel Albert OSB)